
Mehrtägige hochalpine Wanderung im Monte-Rosa-Massiv in den Walliser Alpen.
IM JULI 2021
Tag 1 – Bergstation Klein Matterhorn (3.883 m) – Breithorn-Überschreitung (4.164 m) – Lambronecca Hütte (3.425 m)
Ausgangsort war das autofreie Bergsteigerdorf Zermatt auf einer Höhe von 1.608 m. Eine sechsköpfige Gruppe gipfelhungriger Bergsteiger und Bergsteigerinnen wurde unter der tiefenentspannten und hochkompetenten Leitung zweier junger Bergführer des DAV SUMMIT CLUB eine Woche lang in die imposante Gletscherwelt in einer der höchstgelegenen Bergregionen Europas begleitet.

Der erste Tag begann mit der Fahrt auf die Bergstation Klein Matterhorn (3.883 m) mit dem Matterhorn Glacier Paradise. Die 45-minütige Fahrt mit dieser modernen Luftseilbahn machte sofort die Dimensionen klar, die diese Giganten aus Fels und Eis in den kommenden Tagen für uns alle bereit halten werden würden. Der freie Blick auf einen der bekanntesten Berge der Welt – das 4.478 Meter hohe Matterhorn allein war diese Reise bereits wert. Der erste aus eigener Kraft erreichte Gipfel der gemeinsamen Hochtouren-Woche wurde das Breithorn (4.164 m). Lediglich 280 Höhenmeter trennen die Bergstation von meiner persönlichen 4.000er Premiere. Noch niemals zuvor in meinen Leben stand ich auf einem derart hochgelegenen Berggipfel. Natürlich bekam ich einige Zeit später bereits zu spüren, was es bedeutet, innerhalb so kurzer Zeit in dieser Höhe herum zu wandern. Leichte Symptome der sog. „Höhenkrankheit“ gesellten sich zu einem ansonsten traumhaften Auftaktabend auf der Lambronecca Hütte (3.425 m), unserem ersten Tagesziel.

Tag 2 – Castor-Überschreitung (4.221 m) – Quintino-Sella Hütte (3.584 m)
Die Nacht verlief den Umständen entsprechend recht gut und außer einem leichten Schläfendrücken begleitete mich zu Beginn des 2. Tages ausschließlich die Vorfreude auf die kommenden Highlights dieser in der Tat außergewöhnlichen Hochtouren-Woche. Frühes Aufstehen gehört zum ganz normalen Alltag am Berg. Die Vorteile liegen auf der Hand. Neben den deutlich niedrigeren Temperaturen am Morgen und der relativ hohen Wahrscheinlichkeit für eine entsprechend positive Gletschersituation sind auch noch die frühzeitige Einkehr auf der nächsten zu besuchenden Hütte und natürlich auch die unfassbar schönen Sonnenaufgänge zu nennen.

Als Gipfelziel stand die Castor-Überschreitung (4.221 m) auf dem Programm. Nachdem wir den Zwillingsgipfel, den Pollux, in unmittelbarer Nachbarschaft bestaunen konnten, konzentrierten wir uns bereits in den frühen Morgenstunden auf unsere erste Überwindung der heutigen Schlüsselstelle – ein leichter Firnhang mit maximal 50° Steilheit sowie im Anschluß daran ein flach ansteigender und ca. hüftbreiter Gipfelgrat garnieren diesen unvergesslichen Aufstieg zu meinem erst zweiten 4.000er-Gipfel. Völlig windstill und sonnenüberladen erwartet unsere Gruppe ein herrlich klarer Blick über die gesamte Bergwelt der Walliser bis hin zu den Berner Alpen. Sogar der Mont Blanc, mit seinen 4.810 m die höchste Erhebung in Zentraleuropa, ist mit seiner breiten Schneekappe unverkennbar in der Ferne zu erspähen.

Wir alle sind total glücklich, an diesem Tag und bei diesen traumhaften Bedingungen auf diesem wider Erwarten doch recht unschwierig zu erreichenden Gipfel unsere wohlverdiente Brotzeit machen zu können. Der anschließende Abstieg führt uns auf die Quintino-Sella Hütte (3.584 m). Dort genießen wir die frühe Rückkehr im Liegestuhl auf der Sonnenterrasse. Was für ein grandioser Auftakt.
Tag 3 – Schneedomspitze (4.272 m) – Balmenhorn (4.167 m) – Vincent-Pyramide (4.215 m)

Am dritten Tag erwarten uns nun bereits deutlich mehr Höhenmeter und insgesamt drei Gipfel oberhalb von 4.000 Meter. Als mittlerweile gut akklimatisierte Bergsteigerinnen und Gletscherwanderer steigen wir zum Auftakt gleich einmal in einen steilen Firnhang ein, der an diesem Tag unter der Sicherung der erfahrenen und stets hilfsbereiten Bergführer mit guter Laune in Angriff genommen wird. Etwa zwei Seillängen kämpfen wir uns unter Einsatz von Steigeisen und Pickel Schritt für Schritt in Richtung Gipfel. Das Knirschen der Frontalzacken und die Einschläge der Eisäxte bilden einen unvergesslichen Rahmen für eine kurze und spannende Trainingseinheit in Sachen „Steileis und Firnhänge“.
Wieder einmal genießen wir am höchsten Punkt ein atemberaubendes Panorama und völlige Windstille auf meinem persönlichen erst dritten 4.000er-Gipfel, der Schneedomspitze (4.272 m). Weiter geht’s in Richtung Balmenhorn (4.167 m), einer winzigen Erhebung im Umfeld riesiger Eis- und Felsgiganten. Als nichtoffizieller 4.000er und somit auch nicht Teil der auf der UIAA-Liste vermerkten insgesamt 82 Gipfel mit mehr als 4.000 Metern Gipfelhöhe, ist dieser Berg nicht wirklich eine enorme Herausforderung. Allerdings ist für uns alle an diesem Tag auf dem langen steilen Weg über die Gletscher doch schon einiges an Kraft verloren gegangen.
Die Sonne drückt schwer und erbarmungslos, so wie auch der Rucksack mit allen nötigen Ausrüstungsgegenständen für das einwöchige Leben auf Hütten sowie den obligatorischen Pflichtwerkzeugen für jedwede Art von Gletschertour. Schnell kommt so ein Gewicht von 8-10 Kilogramm zussammen, zuzüglich etwa 2-3 Kilogramm für die notwendige Flüssigkeit, die sich bei mir aus einer 1 Liter-Thermoskanne und einer 1,5 Liter-Trinkblase zusammensetzt. Mein Rucksack hat ein Fassungsvermögen von 38 Litern und ich bin begeistert, wie wenig ich das Gewicht dann doch letztlich auf dem Rücken spüre. Nur die Hitze macht mir im Anstieg zu schaffen.

Der Gipfel meines mittlerweile vierten 4.000ers wartet mit einem kurzen, aber seilversicherten Steig direkt unterhalb des höchsten Punktes auf. Oben angekommen begrüßt uns eine riesige, weithin sichtbare Christus-Statue, die auf diese Weise über dem Tal wacht und mich jetzt vor allem daran erinnert, dass ich mich auch hier oben stets behütet und beschützt fühlen darf. Das macht Mut für die kommenden schweren Tage. Der anschließende kurze Aufschwung über die nahe gelegene Vincent-Pyramide (4.215 m) ist der Zuckerguß auf eine Torte, bestehend aus einer herrlichen Gletscherrunde mit insgesamt 3 Gipfelsiegen und dem damit verbundenen „Bergfest“. Denn somit ist die Hälfte der gesamten Tour bereits geschafft.
Tag 4 – Schwarzhorn (4.321 m)- Ludwigshöhe (4.341 m) – Parrotspitze (4.432 m) – Zumsteinspitze (4.563 m) – Signalkuppe – Refugio Capanna Margherita (4.554 m)

Am vorletzten Tag wartet nun also die „Königsetappe“ der gesamten Hochtouren-Woche im Monte-Rosa-Massiv im Herzen der Walliser Alpen in den einmaligen Schweizer Bergen. Insgesamt nicht weniger als 5 Gipfel oberhalb der Grenze von 4.000 Metern sollen heute mit viel Ausdauer und entsprechend angepasstem Tempo gemeinsam geschafft werden. Gutes Wetter war bislang unser treuer Begleiter in den vorangegangenen Tagen. Heute aber ist es deutlich zugezogen und es drohen Kälte und Windgeschwindigkeiten bis zu 60 km/h. Auf der Höhe, in der wir uns seit Tagen bewegen, fällt unter diesen Umständen jeder Schritt schwer. Jeder Atemzug wird zur lebensnotwendigen Kraftquelle und permanente Konzentration ist bei diesen Bedingungen gefordert, doch sie fällt immer schwerer. Gut, dass wir zwei so erfahrene und wirklich in jeder Situation souverän agierende Bergprofis an der Seite wissen. So erreichen wir tatsächlich unter objektiv schweren Wetterverhältnissen und ein wenig erschöpft den höchsten Gipfel unserer gesamten Tour sowie die höchste bewirtschaftete Hütte der Alpen. Die Zumsteinspitze (4.563 m) und die Signalkuppe mit der dort oben wie ein Adlerhorst wirkenden Berghütte, dem „Refugio Capanna Margherita (4.554 m)„, runden einen wirklich anspruchsvollen Hochtouren-Tag ab und entführen uns alle in eine Welt, in der vor allem eines herrscht: Sauerstoffmangel.
„Der Luftdruck verringert sich bis 4.500 Metern um 40 Prozent im Vergleich zur Meereshöhe. Auf dieser Höhe sind nicht selten zu beobachtende Symptome wie Koordinationsstörungen, Kopfschmerzen, gegen die keine Schmerzmittel wirken, Erbrechen, Halluzinationen und unkontrolliertes Verhalten zu beobachten. Später können Bewusstseinsstörungen, Krämpfe, Abfall des Puls und Blutdrucks, erhöhte Temperatur und Lähmungen in den Extremitäten und der Atmung hinzukommen. Das Hirnhöhenödem führt spätestens nach 24 Stunden zum Tod. Es ist behandelbar, aber selbst das nicht immer erfolgreich.“ 1
Auch mein Herz schlägt deutlich schneller. Ich zwinge mich, mindestens 4-5 Liter Flüssigkeit zu mir zu nehmen und versuche am Nachmittag nach einer großen Schüssel Nudeln ein wenig zu ruhen. Doch das Atmen fällt schwer. Jeder Atemzug bringt nicht die gewohnte Sauerstoffmenge. Also zwinge ich mich dazu, permanent auf den normalen Atemzug zwei kürzere folgen zu lassen. Echt anstrengend für mich und nahezu nicht zu glauben, dass das Hüttenteam es hier oben in dieser dünnen Luft eine ganze Saison lang aushält und dabei so fröhlich und gänzlich gelassen ihre Arbeit verrichtet. Denn Wasser muß für alle notwendigen Verrichtungen mühsam außerhalb der Hütte in Form von Eis gesammelt und in einem großen Kessel geschmolzen werden. Klar, dass dieses kostbare Gut nur der Küche und dem Personal vorbehalten ist. Die Gäste wissen dies und nutzen deshalb nach jedem Toilettengang nur einfaches Klopapier und die überall aufgestellten Desinfektionsspender. Keep Life simple. An einen erholsamen Schlaf ist für mich in dieser Nacht nicht im Ansatz zu denken. Permanent gehe ich im Dunkeln zum Wasserlassen auf Toilette. Diese befindet sich glücklicherweise direkt auf dem Gang neben unserem 10-Bett-Zimmer im zweiten Stockwerk dieser imposanten Hütte. Ein im Verhältnis betrachtet harmloses Symptom der Höhe.

Anders verhält es sich mit der Atmung. Solange ich noch wachliege und mich auf die tiefere Atmung konzentrieren kann ist alles in bester Ordnung. In dem Moment aber, in dem ich langsam müde werde und die Atmung abflacht, wache ich sofort auf und spüre, dass hier oben etwas richtig schwierig ist – Schlafen. Es wäre sicherlich übertrieben, in diesem Zusammenhang von Panik zu sprechen. Dennoch überfällt mich der übergroße Wunsch, einfach nur normal schlafen zu können, ohne permanent munter zu werden und festzustellen, dass der Sauerstoffmangel einfach nicht verschwinden wird.
Tag 5 – Monte-Rosa Hütte (2.883 m) – Rotenboden (2.815 m)
Eine ganz spezielle Erfahrung, die ich nicht allzu schnell wieder machen möchte. Die Nacht geht vorüber und ist kurz. bereits 3.45 Uhr klingeln oder vibrieren diverse Smartwatches an den Handgelenken meiner super coolen Mitstreiter und bewundernswert leidensfähigen und ebenso sympathischen Bergsteigerkolleginnen. Schnell wird das Frühstück hinter die Gaumen geschoben, die obligatorische Thermoskanne mit heißem „Marsch-Tee“ befüllt und schon geht es auf die letzte Etappe. Bei klirrender Kälte und im Licht der vielen mit Stirnlampen ausgestatteten Bergfexe schlängelt sich eine Seilschaft nach der nächsten runter von dieser „Hütte der Leiden“. Mehr als 2.000 Höhenmeter bergab liegen noch einmal vor uns. Über zahlreiche apere und nicht apere Gletscher geht es in Richtung Zivilisation zurück. Nach nicht einmal ganz drei Stunden erreichen wir die Monte-Rosa Hütte (2.883 m) und genießen einen heißen Espresso oder wie in meinem Fall: eine heiße Schokolade. Nun steht fest. Die Zeit in den Alpen neigt sich dem Ende entgegen und eine komplett fantastische Woche geht zu Ende.

Ein letztes Mal Steigeisen anlegen und schon geht es über den mit deutlich und weithin sichtbaren Stangen markierten Gornergletscher. Die Spalten sind tief und gut zu erkennen. Wir springen wie die Gämsen über das weite Eisfeld unserem Zielort entgegen, der Station Rotenboden (2.815 m). Jetzt geht es nur noch bergab. Für mich auch sinnbildlich gesprochen. Es war alles hier so aufregend, so anders, so wunderschön. Eigentlich möchte ich überhaupt nicht nach Zermatt, um mich dort von meinen, mir mittlerweile echt ans Herz gewachsenen Bergfreunden zu verabschieden.
Aber so ist es nun einmal. Die Berge stehen dort bereits seit ewigen Zeiten.

„…Wir Menschen bestaunen und bewundern sie, klettern auf ihnen herum und genießen jeden Moment in ihrer Nähe.„
So bleibt nur ein wehmütiger Blick zurück und das Vertrauen darauf, dass es ganz sicher ein Wiedersehen geben wird.
Fußnoten
1 https://www.quarks.de/gesundheit/medizin/das-macht-die-hoehe-mit-deinem-koerper/





































































